Woche 21 / 2017

Hinter diesem Gasthof steckt noch viel mehr


In Triengen wird Anfang Juni ein Jubiläum gefeiert, wie es heutzutage in der Gastro-Szene selten anzutreffen ist: Seit 40 Jahren bewirten Trudy und Werner Ottiger hier ihre Gäste. Das heisst, genau genommen sind es heuer 41 Jahre, denn Werner Ottiger begann 1976 im «Kreuz» zu wirten. Doch letztes Jahr machte ihm die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Jetzt aber ist der 70-Jährige wieder topfit und bereit, mit seinem Team und vielen Gästen am Pfingstwochenende das Jubiläum zu feiern. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich einiges verändert. «Früher war vieles anders», erinnert sich Werner Ottiger, der seine Frau Trudy in Triengen kennen- und liebengelernt hat. In der Wirtschaft vernahm man die Neuigkeiten aus dem Dorf oder der weiteren Umgebung; wenn politisch etwas anstand, wurde es hier diskutiert; und für viele Vereine war klar, dass man sich nach der Probe im «Kreuz» zum gemütlichen Stammtisch traf. «Das ist heute anders, aber nicht schlechter », meint Werner Ottiger, der weit davon entfernt ist, die guten alten Zeiten zu glorifizieren. Er will nicht lamentieren über die Einführung der 0,5-Promille-Grenze vor zwölf Jahren, die auch sein Betrieb deutlich zu spüren bekam. Auch nicht über das 2009 in Kraft getretene Rauchverbot, das viele Stammgäste aus den Restaurants vertrieb. Es gebe vieles, was ein gutes Restaurant ausmache, sagt Ottiger, dafür brauche es ein gutes Gespür für die Bedürfnisse der Gäste. «Um einen Landgasthof zu führen, ist Fingerspitzengefühl nötig. Einfach nur Umsatz bolzen, aber gleichzeitig viel zu hohe Ausgaben haben, bringts nicht.» Das funktioniere in der Stadt halt anders.


Der gelernte Metzger ist weit herumgekommen. Als Bauernbub auf einem kleinen Hof in Kölliken aufgewachsen, wollte Ottiger nach seinem Lehrabschluss die Welt sehen. Mit 18 Jahren flog er nach Südafrika und blieb fünfeinhalb Jahre auf diesem Kontinent, um auf seinem Beruf, aber auch persönlich, Erfahrungen zu sammeln. Die Unternehmen, in denen er arbeitete, waren damals topmodern eingerichtet – «ganz im Gegensatz zu uns hier», erinnert sich Ottiger. Doch für ihn war immer klar: Eines Tages würde er zurückkommen. Ein Entscheid, den er bis heute nicht bereut hat. Dass es schliesslich das «Kreuz» in Triengen sein würde, war eher ein Zufall: «Nach meiner Rückkehr arbeitete ich drei Jahre lang in Zug in der Kollermühle. Ein Chauffeur, der uns belieferte, sagte mir, das ‹Kreuz» stehe zum Verkauf. » So konnte Ottiger seinen Traum als selbständiger Wirt wahrmachen.

Mit der Bouillon fing es an
Das «Kreuz› ist bekannt für seine gutbürgerliche Küche und eine beliebte Adresse für private Gäste, aber auch für Geschäftsessen, Hochzeiten, Vereinsanlässe und mehr. Das wichtigste Geschäftsfeld aber bilden heute die Nährmittel. In den Produktionsbetrieben des Landgasthofes entstehen Bouillons und Gewürze, Fertigsuppen und Saucen, Sirupe und natürlich viele Fleischspezialitäten, die im Haus selbst entwickelt wurden und werden. «Dieser Betriebszweig hat sich eigentlich zufällig ergeben», sagt Ottiger, «die ersten 180 Kilo Bouillon stellte ich aufs Geratewohl für einen Vertreter her.» Die Bouillon war innert zwei Wochen ausverkauft. Das war vor vierzig Jahren. Heute sind mittlere und grössere Betriebe der Lebensmittelindustrie Kunden beim «Kreuz» und lassen hier oft eigens für sie entwickelte Produkte herstellen.

Das Restaurant ist ein veritabler Familienbetrieb, mittlerweile ist auch Sohn Werner junior im Geschäft tätig. Genau wie sein Vater hat er Metzger gelernt. Das florierende Unternehmen zählt insgesamt 15 Angestellte. Zum Team gehören auch sozial Randständige, die sonst kaum mehr in die Arbeitswelt integrierbar wären; manche von ihnen arbeiten seit Jahrzehnten hier. Für Werner Ottiger und seine Familie ist dieses soziale Engagement selbstverständlich: «Wenn man diese Leute nimmt, wie sie sind und sie nicht überfordert, ist es für alle eine gute Lösung – sie kommen gerne arbeiten, haben einen geregelten Tagesablauf und liegen niemandem auf der Tasche.» Mit siebzig Jahren könnte sich Werner Ottiger eigentlich zurücklehnen und die Pension geniessen. Doch das ist für ihn keine Option: «Nicht mehr arbeiten?» Einen kurzen Moment denkt er nach, lacht dann und sagt: «Mir wäre ja viel zu langweilig!»

ROSMARIE BRUNNER