Woche 42 / 2017

«Erlebtes ist unbeschreiblich und unbezahlbar»


Simon Schürch, nach dem Olympiasieg 2016 sind Sie als gerade mal 25-jähriger Sportler in den «Vorruhestand» getreten. Sie haben sich aufs Wirtschaftsstudium konzentriert und keine Ruderrennen mehr bestritten. Ein endgültiger Rücktritt aber erfolgte nie.
Simon Schürch: Wir nahmen uns bewusst eine Auszeit. Wir haben diesen Sport während acht Jahren intensiv ausgeübt, über zwei Olympiazyklen hinweg. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man einen Gang runterschalten, sich neu orientieren und schliesslich entscheiden muss, wie es weitergehen soll. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich entscheiden will, ob ich eine Berufskarriere einschlage oder nochmals drei Jahre im Sport verbleibe. Nach Ablauf dieser Auszeit muss nun in den nächsten Wochen bekannt gegeben werden, wohin die Reise gehen soll. Am 1. November ist offizieller Trainingsstart der Kaderangehörigen des Schweizerischen Ruderverbandes in Sarnen.


Sie haben Ihre Entscheidung getroffen?
Fast, ja. Das war ein Reifeprozess. Es gab Phasen, in denen ich gerne auf den See gegangen wäre, dann wieder war ich froh, dass ich das nicht tun musste. Da mehrere Athleten während eines Jahres pausiert haben, geschieht die Kommunikation der Entscheidung jedoch in Abstimmung mit dem Verband.

Leicht dürfte Ihnen der Entscheid nicht fallen. Einerseits sind Sie mit bald 27 Jahren im besten Sportleralter, andererseits können Sie kaum noch mehr erreichen.
Das ist so. Ich habe alles dafür getan, die Olympiagoldmedaille zu gewinnen, habe das dann erreicht. Erreicht man dieses Ziel ein zweites Mal, gibt einem das wahrscheinlich nicht mehr dasselbe. Und man muss sich bewusst sein: Man muss mit derselben Demut und Härte trainieren – so, als ob man noch keine Goldmedaille zuhause hätte.

Wie viel Zeit haben Sie seit dem Olympiasieg im Ruderboot verbracht?
Nicht allzu viel. Ich hatte zuvor genug gerudert... Ich nahm seither beispielsweise an einem Triathlon teil, machte CrossFit, war im Kraftraum. Sport gehört immer noch zu meinem Leben. Wenn ich einmal täglich trainiere, fühle ich mich fit. Es ist ja so: Einmal täglich trainieren ist cool, das zweite Training geht noch so, das dritte braucht man nicht mehr wirklich... Aber zu einem gesunden Lifestyle gehört Sport natürlich dazu.

Der Olympiasieg liegt ein gutes Jahr zurück. Haben Sie die grossen Emotionen seither nicht vermisst?
Wenn man so lange auf etwas hinarbeitet und es dann erreicht – das sind Emotionen, die man nirgendwo sonst erlebt. Wenn ich eine Mathematikaufgabe im Studium löse, ist das auch ein schönes Gefühl. Aber es hält nicht so lange an wie ein Olympiasieg (schmunzelt). Ich hätte ohnehin nie geglaubt, dass ein Olympiasieg derartige Wellen schlagen würde. Was wir in diesem Jahr alles erleben durften, ist unbeschreiblich und unbezahlbar. Dafür bin ich sehr dankbar.

Welche Momente waren die emotionalsten in Ihrer Karriere?
All jene, in denen ich etwas das erste Mal erlebt habe. Als ich 2010 am Rotsee erstmals im Final fuhr, hat das enorm viele Emotionen freigesetzt. Beim letzten Weltcup-Rennen 2016 am Rotsee haben wir Silber gewonnen, konnten uns darüber aber nicht freuen, weil wir Gold angestrebt hatten. Das ist eigentlich schade. Man will immer mehr und gibt sich nur noch mit dem Besten zufrieden. Anfänglich war eine Finalteilnahme eine Riesengenugtuung. Am Ende muss es Gold sein, damit man überhaupt noch zufrieden ist.

Es waren also nicht die letzten 50 Meter im Olympiafinal?
Im Ziel werden die Emotionen freigesetzt. Zuvor ist man im Tunnel drin. Klar ist: London 2012, als wir nur Fünfte wurden, war die grösste Enttäuschung. Rio 2016 war natürlich am schönsten, weil wir uns vier Jahre lang auf diesen Tag vorbereitet hatten und es dann am Tag X umsetzen konnten.

Am Samstag in einer Woche feiert Ihr Verein, der Seeclub Sursee, ein ganz besonderes Jubiläum: 100 Jahre. Sie werden vermutlich mitfeiern.
Das ist Ehrensache. Ich wurde in diesem Klub gross, und er war für mich immer eine grosse Unterstützung. Da ist man verbunden mit dem Klub. Wir wollen in den nächsten 100 Jahren überleben und wieder einen Olympiasieger in unseren Reihen haben. Jetzt gilt es dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Mit dem neuen Klubhaus steht ein grosses Bauprojekt an; ich bin in der Baukommission. Momentan generieren wir Geld dafür.

Was für eine Rolle spielte der Verein in Ihrer persönlichen Entwicklung?
Der Verein war vor allem in jungen Jahren wichtig. Da wurde mir vom Seeclub ein Boot zur Verfügung gestellt und mit René Albisser ein Trainer, der mich gefördert und gefordert hat, mir das ABC des Ruderns beigebracht und in mir die Leidenschaft geweckt hat.

Bleiben Sie nach Ihrer Karriere dem Rudersport in irgendeiner Form erhalten?
Ich glaube nicht, dass ich Trainer werde. Vieles habe ich instinktiv richtig gemacht, nicht unbedingt dank Videoanalysen. Aber ich werde sicher weiterhin gerne mit Kollegen rudern gehen.

ACHIM GÜNTER